+49 172 2960300 nico.pirner@gmail.com

Vielleicht kennen Sie das auch. Gleich ist der Termin, an dem Sie Ihre Präsentation halten sollen und plötzlich fühlen Sie sich extrem angespannt und nervös. Der Mund wird trocken, Ihre Stimme wird zitterig und klingt viel zu hoch. Sie beginnen zu schwitzen und noch während sich ihr Magen zu einem steinernen Klumpen verformt, denken Sie daran einfach zu verschwinden. Da dies aber nicht möglich ist, treten Sie von Adrenalin und Noradrenalin durchflutet, vor das Publikum und spüren eine völlige Leere im Kopf. Nur mit Mühe finden sie einen Ansatz, an den Sie sich klammern. Die Zeit dehnt sich ins Unendliche, während Sie insgeheim darum betteln, dass jemand im Publikum Gnade walten lässt und Sie erschießt.

Wenn es Ihnen so oder so ähnlich ergeht, sind Sie in guter Gesellschaft. Eine Suche bei Google zum Stichwort Lampenfieber“ liefert mir 944.000 Ergebnisse. Es muss also am Lampenfieber was dran sein, denn es beschäftigt viele Menschen.

Ich möchte das Thema Lampenfieber in diesem Beitrag einmal von einer völlig anderen Seite betrachten. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, ich für mich kann mit den gängigen Strategien Lampenfieber zu bekämpfen, nicht viel anfangen

  1. Körper anspannen und wieder entspannen.
    OK. Angespannt ist mein Körper schon, wenn ich Lampenfieber habe. Aufgrund der Angst, die in mir steckt, bekomme ich es nicht hin zu entspannen. Das wäre fast so, wie einem durchgeknallten Gorilla im Kampfmodus, mit einem säuselnd beschwichtigendem „Ruhig Jimbo, ruhig“ beruhigen zu wollen.
  2. Sich positive Bilder in den Kopf holen.
    In meinem Kopf laufen gerade Sequenzen von den schlimmsten Schreckensszenarien ab, da mein Kopfkino die Karten bereits entwertet hat und der Projektor läuft. Umso mehr ich versuche diese Sequenzen zu beseitigen oder zu löschen, desto stärker und klarer kommen sie zurück.
  3. Sich das Publikum nackt vorstellen.
    Das halte ich für äußerst gewagt. Ich habe das einmal probiert und musste meine ganze bildhafte Vorstellungskraft sowie eine übermenschliche Konzentration darauf verwenden, um dem Publikum wenigstens wieder Unterwäsche anzuziehen. Ansonsten hätte ich meinem Fluchtreflex nachgeben müssen.
  4. Blickkontakt zu einem freundlichen Menschen im Publikum.
    Sowas kann helfen, ich mache meine Performance aber dann von einer Person abhängig die ich möglicherweise nicht kenne. Zudem versuche ich nun permanent deren Mimik und Verhalten zu interpretieren. Das halte ich für sehr gefährlich. Was, wenn die Person nach 10 Minuten den Saal verlässt? Wahrscheinlich fand sie meinen Vortrag schrecklich und völlig langweilig. Ah, da kommt sie ja wieder, war nur kurz auf Toilette. Uff, Glück gehabt.

Was mich an den ganzen Tipps und Tricks stört ist, dass sie alle nur ein Symptom zu bekämpfen versuchen. Dabei ist es doch viel interessanter und auch effektiver nach der Ursache zu forschen. Das ist zwar erstmal mühsamer, aber nachhaltig und wirksam.

Lassen Sie uns deshalb eine Reise machen, eine Reise weit, sehr weit zurück in die Steinzeit. Jürgen Brater beschreibt in seinem Buch „Wir sind alle Neandertaler“ wie die Menschen damals lebten.
Sie waren in Sippen organisiert deren Große zwischen 130 und 150 Menschen betrug. Auch heute organisieren wir uns in etwas diesen Gruppengrößen. So besteht beim Militär die kleinste Einheit, die Kompanie, aus etwas 130 bis 150 Soldaten. Damals hatte jeder genug Platz und es bestand eine Distanz zu anderen Mitgliedern innerhalb der Sippe. Jeder Fremde wurde damals mit großem Misstrauen empfangen und auf Distanz gehalten. Es könnte sich schließlich um einen Feind handeln. So gesehen leben wir heute völlig untypisch entgegen unserer Vorfahren. Heute leben wir in einer industriellen Massengesellschaft auf engsten Raum. Wir kennen nur einen Bruchteil der Menschen, denen wir täglich begegnen, bei allen anderen wissen wir nicht, um wen es sich handelt. Das irritiert uns derart stark, dass wir ein sonderbares Verhalten an den Tag legen. Menschenmassen in Fußgängerzonen sind hier ein gutes Beispiel. Jeder versucht den anderen nicht direkt anzusehen, schon gar nicht ihn anzusprechen. Sollte dies doch ohne ersichtlichen Grund passieren, ist der erste Impuls auszuweichen und wenn das nicht geht mit dem Holen der Polizei zu drohen.

Mein Favorit ist immer ein überfüllter Aufzug. Während eine Gruppe die Lampe an der Decke genau untersucht, ist die andere Gruppe dabei den Boden zu erforschen oder mit glasigem Blick durch mich hindurch zu sehen. Dieses Misstrauen bzw. komische Gefühl gegenüber Fremden, ist also ein Überbleibsel unserer Vorfahren. Dieses Phänomen kann besonders gut bei kleinen Kindern beobachtet werden. Sicherlich kennen sie die Situation, wenn der kleine Thorben-Hendrik „fremdelt“, sich hinter dem Rockzipfel seiner Mutter versteckt und sich weigert sie auch nur anzusehen. Im Gegensatz zu seinen Eltern kennt er sie eben nicht und spürt unbewusst ein Angstgefühl. Am wohlsten fühlen wir uns konform mit der Gemeinschaft. Also um Himmels Willen nicht auffallen. Bei Jugendlichen ist heutzutage schon jemand anders, wenn er nicht die derzeit angesagte Markenjeans trägt. Sie kennen das Gefühl vielleicht auch, anders zu sein. Vielleicht kamen sie auch einmal zu spät und mussten beschämt an allen anderen Personen vorbei, während deren Blicke sich tief und Vorwurfsvoll wie Giftpfeile am Rücken trafen?  Ein Erwachsener kann damit besser umgehen. Passiert das in jungen Jahren, kann es eine Auswirkung auf unser Leben haben.

Hierzu ein Beispiel aus meiner Coachingpraxis, wobei der Name der Klientin von mir geändert wurde:

Anna ist Mitte vierzig und sollte in drei Wochen zu einem Treffen ehemaliger Mitarbeiter eines Unternehmens, zu dem sie auch gehörte, ein paar Worte vor der Gruppe sagen. Sie organisierte diese Treffen nun schon seit Jahren, aber immer, wenn es darum ging, die Gäste zu begrüßen und ein paar Worte des Dankes zu sagen, übernahm ein Kollege für sie den Part. Sie fühlte sich einfach nicht wohl, wenn es darum ging vor Gruppen zu sprechen. Wir haben dies untersucht und kamen bei Annas Kindheit auf folgendes Erlebnis:

Anna war acht Jahre alt. In der Schule stand das alljährliche Weihnachtsfest an, dass mit einer finalen Bühnenaufführung endete. Anna war auch eingeplant und hatte die für sie wundervollste Rolle, die man nur haben konnte. Sie sollte in einem eleganten, weißen Kleid auf die Bühne treten, eine Kerze halten und den Satz sagen: „Mein Licht währt ewig.“  Anna fühlte sich der Aufgabe gewachsen, nicht nur das, sie freute sich darauf so sehr, dass sie die Tage zählte, bis es endlich soweit war. Dann war er da, der Tag an dem Anna ihren großen Auftritt hatte. Die Bühne befand sich in der großen Schulaula, der Saal war brechend voll. Alle Eltern, deren Freunde und Verwandte hatten ihren Platz eingenommen. Anna konnte ihre Eltern in der dritten Reihe ausmachen. Gleich war der große Auftritt. Gleich durfte Anna die brennende Kerze vom hinteren Teil der Bühne ganz nach vorne tragen und den einstudierten Satz: „Mein Licht währt ewig.“ sagen.

Dann war es soweit. Die Lehrerin zwinkerte ihr noch aufmunternd zu. Sie gab ihr den Teller mit der brennenden Kerze darauf. Anna war am Nachmittag extra nochmals beim Friseur gewesen. Sie war so stolz auf das neue, schöne, weiße Kleid. Überall roch es nach frisch gebackenen Plätzchen und frischen Tannenzweigen. Es wurde dunkel und der Scheinwerfer richtete sich auf Anna, die sich sofort in Richtung Bühne bewegte. Am vorderen Rand der Bühne angekommen, genoss sie es nochmals in all die neugierigen Gesichter der Zuschauer zu sehen. Ah, da in der dritten Reihe sah sie Mama und Papa. Das war ihr Moment, alles blickte gespannt und wartete auf das, was nun kam. Anna sagte die Worte kraftvoll ,wie in den Proben gefordert: „Mein Licht währt ewig.“ Allerdings pustete sie aus Versehen beim letzten Wort ihre Kerze aus. Die Bühne war nun stockdunkel, Anna bekam Panik. Plötzlich war das ewige Licht aus. Was aber noch viel schlimmer war und was sich so derart tief in ihre kleine Seele einbrannte, war das Gefühl der Hilflosigkeit als das gesamte Publikum sich vor Lachen nicht mehr auf den Stühlen halten konnte. Da kommt ein kleines Mädchen mit einer brennenden Kerze auf die Bühne spricht den Satz: „Mein Licht währt ewig.“ und pustet dabei die Kerze aus.

Versetzen Sie sich einmal in die Situation der kleinen Anna mit ihren acht Jahren. Wie sie sich fühlt und wie es ihr bei dem Gelächter geht. Sie ist erst einmal von sich enttäuscht und dann noch das Gelächter des Publikums. Was lernt das Gehirn in diesem Moment? Ganz einfach: „Auftreten vor Publikum führt dazu, dass man sich fürchterlich blamiert.“ Dieser limitierende Glaubenssatz sitzt tief im Unterbewusstsein und dieses schreckliche Gefühl kommt immer dann hoch, wenn jemand zu Anna sagt: „Komm, sag mal kurz was zu den Mitarbeitern oder Gästen, die warten doch darauf.“ Vielleicht wird sie es nochmals probieren, wird sich überwinden und es nochmals versuchen.

Aber die Erwartung von Anna wird wieder sein – Ich werde mich blamieren.

Dann sind also gewisse Ängste schon in unseren Genen von unseren Vorfahren in uns? Je nachdem wie unser Leben abläuft und wie stark oder geschwächt wir ihnen begegnen, beeinflussen sie unser Leben. Ich glaube fest daran.

Mehr davon im 2. Teil der Reihe „Lampenfieber ein (r)evolutionärer Ansatz, die Angst zu besiegen“